1996 | Waldeck

Vorgeschichte

Eine Rückschau auf das Ferienlager in Waldeck kann man nicht mit dem ersten Tag im Lager beginnen. Diesem - unserem ersten - Lager geht eine Geschichte voraus, wie es überhaupt zu dieser Fahrt kam.

Seit vielen Jahren schon findet für die Holtwicker Kinder ein Ferienlager in den Sommerferien statt. Gemeinsam mit der Nachbargemeinde in Osterwick geht es - auch heute noch - jedes Jahr mit ca. 90 Kindern nach Österreich. Dieses Ferienlager war allerdings das einzige in Holtwick (abgesehen vom zwischen 1994 und 2000 stattfindenden Kolpingjugendlagers in den Oster- bzw. Herbstferien). So waren denn auch die Anmeldewünsche stets mehr als die vorhandenen Plätze. Schließlich waren bei den Anmeldungen zum 1996er Lager neben etwa 45 Teilnehmern aus Holtwick ungefähr 30 Kinder auf der Warteliste!

 

Dennoch bedurfte es noch der "Initialzündung", um für eine echte Alternative zu sorgen. "Es muss sich erst etwas ändern, damit sich etwas ändert", könnte man sagen. Im Oktober 1996 bekam Holtwick einen neuen Pfarrer: Bernhard Söbke war über den Anmeldevorgang zum Österreichlager verwundert und regte - ausgehend von seinen Ferienlager-Erfahrungen aus seiner Kaplanszeit - ein eigenes Holtwicker Ferienlager an: das unsere eben.

Pfarrer Söbke und Holtwick passten letztendlich nicht zusammen, aber ohne seine Initiative hätte es unser Ferienlager nicht gegeben.

Jeder, der neu in ein Leiterteam einsteigt, weiß, wie schwer es ist, sich zurechtzufinden. Man kann sich daher leicht vorstellen, um wie viel schwieriger der Aufbau eines neuen Lagers war!

Zunächst einmal musste eine Leitermannschaft her. Pfarrer Söbke sprach verschiedene Personen an, auch ein Aufruf im Publikandum in der Kirche sollte helfen. Schließlich fanden sich aus den Reihen der Kolpingjugend Bernd und Elke Gottheil und Peter Witte (die bereits im erwähnten Kolpingjugendlager erste Lager-Erfahrungen gemacht hatten) sowie mit Heinz Strätker ein Familienvater, der allerdings noch keine Leitererfahrung hatte.

Bernd, Elke und ich kannten uns nun schon gut, aber wir drei kannten Heinz nicht und er uns genausowenig. In der ersten Phase der Vorbereitung war also ein gegenseitiges "Abtasten" angesagt.

Zudem stand natürlich auch noch kein Konzept fest. Wir drei konnten lediglich an das Konzept des fünftägigen Kolpingjugendlagers anknüpfen, das sich allerdings nicht so ohne weiteres auf ein vierzehntägiges Sommerlager übertragen lassen konnte. Es stellte sich heraus, dass Heinz aufgrund mangelnder Erfahrung nicht so sehr für die Vorbereitung von Spielen für die Gruppe geeignet war. Dafür übernahm er selbstverständlich die Lagerleitung und die Organisation schwierigerer Aktionen und zudem die Führung bei unseren Wanderungen.

Glücklicherweise übernahm Pfarrer Söbke die Haussuche. Ebenso stand er für die Finanzierung gerade, die im ersten Jahr bei weitem nicht kostendeckend gewesen ist. Der ganze "Verwaltungskram" einschließlich der Abrechnung wurde von der Pfarrsekretärin erledigt, so dass wir uns als Leiterteam voll auf die inhaltliche Vorbereitung der Fahrt konzentrieren konnten.

Schließlich fehlten noch die Teilnehmer: Einige der Kinder, die auf der Österreich-Warteliste standen, hatten bereits Ersatz, doch schließlich fuhren 22 Kinder, davon eines aus Osterwick und eines aus Coesfeld, mit ins erste Sommerferienlager der Holtwicker Kirchengemeinde.Es war schon ein komisches Gefühl, als wir samstagsmorgens vom Pfarrzentrum aus mit 22 Kindern zwischen 8 und 14 Jahren, die wir zum größten Teil nicht kannten, in den Bus stiegen und Richtung Waldeck fuhren. Was würde uns erwarten? Diese Frage stellte sich wohl jeder im Bus, und für uns Leiter war es die erste Gelegenheit, mit den Kindern in Kontakt zu kommen.

Das Lager

Angekommen in der Jugendherberge, war die erste Enttäuschung schnell da, denn wir bekamen - ausgerechnet - den einzigen Flur, der noch nicht renoviert worden war: rustikale Eisenbetten. Dafür aber ausreichend Platz. Heinz bekam ein Einzelzimmer, ebenso wie unsere einzige BetreuerIN Elke. Bernd und ich teilten uns ein Achterzimmer. Ich muss heute noch darüber schmunzeln, wie wir uns eingerichtet hatten. Wir beide schliefen jeweils oben in einem Etagenbett (heute vermeide ich - wenn es geht - das Leitersteigen!), die restlichen sechs Betten waren vollgestellt mit unseren gesamten Materialien, die von Bastelutensilien über Bälle bis hin zu unserer "Verpflegung" in Form von Chips und Schokolade gingen. Abends haben wir uns auch in diesem Zimmer, das zentral zwischen den beiden Jungen- und den beiden Mädchenzimmern lag, oben auf den Betten zusammengesetzt und den vergangenen und den nächsten Tag besprochen. (Nicht selten hat Bernd dabei den Kopf zur Seite gelegt und ist - während wir anderen noch fleißig "weitergearbeitet" haben - einfach eingeschlafen!

Ich kann mich an das glückliche Gefühl nach vier Tagen erinnern, als mir einfiel: "Wären wir jetzt im Kolpinglager, müssten wir morgen schon wieder nach Hause fahren. So aber sind wir immer noch erst gerade angekommen!" Es war herrlich. Wenige Tage später jedoch habe ich mir gewünscht, jemand würde mir erlauben, nach Hause zu fahren - irgendwann war der Stress einfach mal so groß, das er einen zu erdrücken schien. Jeder von uns Leitern hatte eine solche Phase im Laufe dieser zwei Wochen.

Zur Erklärung: Da wir als Team immer noch in der "Kennenlernphase" waren und sich auch keiner eine besondere Rolle herausnehmen wollte, haben wir im Prinzip alle, aber auch wirklich alle Entscheidungen gemeinsam gefällt, wir haben alle Programmeinheiten gemeinsam geplant und vorbereitet (was ja auch bei vier Betreuern möglich ist oder vielleicht gar nicht anders geht). Es war also für jeden einzelnen wirklich und mehr als in jedem anderen Jahr ein Fulltimejob!

Stress hatten wir zunächst auch mit der Lager-"Gemeinschaft". Im Anfang war es ganz schlimm. War irgendetwas "weg", dann war es gleich "geklaut", sogar verbunden mit einer konkreten Anschuldigung gegen ein Kind. Und zwar immer das selbe Kind! Natürlich war das Quatsch, die entsprechende Sache fand sich dann auch in der eigenen Tasche oder im allgemeinen Gewühl des Zimmers wieder. Erst nach gut einer Woche konnte man von einer wirklichen Gemeinschaft aller Teilnehmer sprechen.

Auf dem Programm standen einige Bastel-Arbeitskreise sowie viel gemeinschaftliches Programm, das sich auch zu einem nicht zu unterschätzenden Teil aus Wanderungen zusammensetzte. Ein Höhepunkt war sicherlich die Wanderung zur Talsperre mit entsprechender Pause im "Aqua-Park", einer Spielstätte mit viel Wasser, und dem weiteren Ausflug zum Wildfreigehege, ein anderer Höhepunkt war - zumindest aus unserer Leitersicht - das Stationsspiel, das uns - leider im Regen - zu einer Grillhütte führte. Dort wurde das Abendessen gegrillt, wir haben noch einige Spiele gemacht und gesungen und sind schließlich mit Heinz' Bulli nach Hause zurückgefahren, weil es immer noch in Strömen regnete.

Zu Erwähnen ist sicherlich auch der Umstand, dass wir in der Jugendherberge nicht die einzigen Gäste waren. Im Anfang hatten wir Glück, denn auf dem Nachbarflur wohnten in der ersten Woche "die Bayern", eine Gruppe Kinder etwa im Alter unserer Teilnehmer. Manche Urlaubsfreundschaften wurden hier geschlossen, und als die Bayern abfuhren, haben wir sie mit unserer wehenden Lagerfahne und einigen Liedern herzlich verabschiedet.

Nicht so schön waren unsere Mitbewohner gegen Ende unseres Aufenthaltes: Gegen die etwa 16-jährigen Berliner hatten unsere Kids so manches Mal kaum eine Chance. Für uns stand fest: Im nächsten Jahr auf jeden Fall ein Haus für uns alleine!

Und so vergingen diese zwei Wochen letztenendes auch wie im Flug und wir waren traurig, dass wir wieder nach Hause fahren mussten. Dennoch: Wir wussten auch da schon, dass wir für eine weitere Woche auch gar kein Programm mehr vorrätig hatten. Trotzdem tat es uns natürlich leid, und wir organisierten noch schnell ein "Wiedersehenstreffen" am Abend des Ankunftstages, zu dem auch tatsächlich alle Kinder wieder erschienen. Ein echter Beweis, dass es auch ihnen wirklich gefallen hat.

Erkenntnisse

Natülich war es so, dass wir aus diesem ersten Ferienlager besonders viele Erfahrungen mitgenommen haben. Vielleicht ist es auch jetzt nach so vielen anderen Ferienlagern schon gar nicht mehr möglich, noch genau aufzuschlüsseln, welche Erkenntnisse man wann gewonnen hat. Trotzdem will ich es versuchen:

  • Die Anzahl der Leiter
    4 Leiter passen rechnerisch gut zu 22 Kindern, aber auf der anderen Seite ist man schnell aufgeschmissen, wenn ein Leiter mal zum Arzt oder Krankenhaus fahren muss oder einfach nur mit Kopfschmerzen im Bett bleibt. Man braucht deshalb ein größeres Leiterteam.
  • Die Anzahl der Kinder
    Auf die "Menge" der Teilnehmer kommt es gar nicht an. Im Prinzip hatten wir alle Altersstufen vertreten, ob 20 oder 40 Kinder: für den Spaß, den man haben kann, ist das egal. Auf die konkreten Menschen kommt es an.
  • Regenprogramm
    Ein sehr wichtiger Punkt, der uns auch heute immer noch Schwierigkeiten macht: Was tun, wenn es regnet? In jedem Fall braucht man ein entsprechendes Ausweichprogramm in der Hinterhand.
  • Teamleitung
    In diesem Lager war eine gleichberechtigte Lagerleitung durch alle vier Betreuer verwirklicht. Keiner "traute sich", Entscheidungen ohne Beteiligung der anderen zu fällen. Das war eine wertvolle und schöne Erfahrung, die wir lange Jahre als Ziel wieder angestrebt haben. (Heute plädiere ich wieder für eine richtige "Lagerleitung").
  • Teamgeist
    Dieses Lager hat sich auch durch besonderen Teamgeist im Leiterteam ausgezeichnet. Jeder von uns vieren war überzeugt, dass er selbst zu wenig getan hat, und die jeweils anderen viel mehr. In der Konsequenz ist das natürlich unmöglich, aber dadurch hat jeder immer da mit angepackt, wo es ihm nötig erschien. Diese Grundhaltung ist noch heute ein (zumindest von mir) angestrebtes Ziel.



(Peter Witte, 2000)