1999 | Steckenborn

Vorgeschichte

Das Lager des letzten Jahres in Wenholthausen war ein kleiner Rückschlag in unserer jungen, aufstrebenden Ferienlagergeschichte. Am Ende jenes Lagers nämlich war für einige Betreuer keineswegs klar, dass sie im nächsten Jahr wieder losfahren wollten. Dennoch - im Abstand von ein paar Wochen sah die Welt schon wieder ganz anders aus und man erzählte sich wieder Geschichten, die mit "Weißt du noch, im Lager.." begannen.
Und so buchten wir ein Haus für 1998, was uns aber noch reichlich Kopfzerbrechen bereiten sollte. Im Laufe nämlich der Vorbereitungen stießen wir immer wieder auf unserer Ansicht nach ungewöhnliche Bedingungen des Hauses und seines Vermieters. Würden wir etwa nicht alleine in diesem Haus sein? Ist der Preis durch "versteckte" Sonderkosten nicht viel zu hoch? Ist es am Ende eine reine "Abzocke"?
Nun, nach allen Sorgen, die wir uns im Vorfeld gemacht haben, waren wir am Ende ziemlich erleichtert, weil sich vieles einfach von selbst erledigte. Der Vermieter war freundlich und hilfsbereich, wir waren natürlich auch allein im Haus und wir hatten ziemlich freie Hand.


Ein Problem war aber in der Tat die Betreuerfrage. Elke konnte aufgrund ihres Studiums nicht mehr mitfahren, Judith und Ulla wollten nicht mehr, so dass wir plötzlich ohne LeiterINNEN da standen. Nach langem Suchen schließlich fanden wir einige junge Leute, die mitfahren wollten: Sebastian und Matthias, die sich zwei Jahre zuvor als Teilnehmer sehr gut amüsiert hatten, sowie Thomas und Rabea, die unser Lager bis dahin nicht kannten.
Etwas Kopfzerbrechen bereitete mir diese Situation schon: 4 "alten" Leitern standen 4 "neue" gegenüber. Würden wir in der Lage sein, unsere bisherige Leitlinie beizubehalten? Oder würde nun alles in Frage gestellt werden?

Das Lager

Das Haus erwies sich als gar nicht so schlecht, wie wir angenommen hatten. Der Vermieter wohnte nicht mit im Haus (dafür aber die Kochfrauen, aber sie hatten es nicht anders gewollt!!), ebenerdig hatten wir einen betonierten Innenhof mit angrenzender Rasenfläche. Hier spielte sich das hauptsächliche Lagerleben ab, denn auch das Wetter spielte in diesem Jahr mit.
Einige Male konnten wir draußen frühstücken und abendessen, was für mich - erstaunlicherweise - zu den besonderen Highlights dieses Lagers gehörte. Das Essen war - wie schon im letzten Jahr - wieder sehr gut, dank unserer beiden lieben Kochfrauen Änne und Edith.
Gut war auch das Drumherum: am Tag unserer Ankunft konnten wir abends den "Rursee in Flammen" bewundern, und wann erleben wir schonmal ein Feuerwerk? Glück gehabt. Der Rursee selbst war übrigens nicht weit, aber wir lagen oben auf dem Berg und der See - nun ja - er lag eben unten. Und der Weg - besonders natürlich zurück - war wohl anstrengend. Dafür lag Simmerath mit Aldi und anderen wichtigen Geschäften (sowie dem Krankenhaus...) verkehrsgünstig in ca. 8minütiger Entfernung mit dem Auto.
Mir fällt gar nicht mehr so furchtbar viel ein, was in diesem Lager gewesen ist. Zugegeben, unsere gewissen "Unglücksfälle" habe ich schon noch in Erinnerung, aber davon will ich ja nicht schreiben. Ich erinnere mich an die Mädels, die mitten in der Nacht noch Suppe essen mussten. Die Jungs dagegen hatten ihre eigene Kaffeemaschine dabei und tranken auch nachts um 12 noch Kaffee, von dem mancher Erwachsene Herzprobleme bekommen hätte. Ich denke an die Mädels, die spontan ein "Herzblatt"-Spiel vorbereiteten und an Susi und Ilo, die bereitwillig eine Spielshow organisierten. Um die Nachtruhee brauchte ich mich nicht zu kümmern, das übernahm vor allem Thomas. Dafür hatte Bernd mit einigen Mädels zusammen viel Spaß im Kiosk, während ich hauptsächlich mit dem Bulli unterwegs war. Vanessa hatte zum Ärger ihrer großen Schwester Rabea laut Aussage eines Arztes "sehr schöne Beine", während Heinz bei der Behandlung von Bernd sogar assistieren durfte. Der Nachbar hat uns mit der Polizei gedroht, aber diese ist nicht gekommen. Dafür hatten wir reichlich Brot, das niemand essen wollte, und teure Milch vom Bauern. Und schließlich hatten wir einen Busfahrer, der so autoritär war, dass die Busfahrt einer militärischen Angelegenheit glich. Lediglich aus dem Fenster durfte man sehen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen...

Erkenntnisse

Allmählich geht es in die Details, was man aus den Lagern noch lernen kann:

  • Gefahren erkennen
    Mehr noch als bisher muss man bei jeder Aktion darüber nachdenken, wo Probleme und Gefahren auftreten können. Die Einstellung "Es wird schon gut gehen." reicht nicht mehr aus. Das betrifft Spiele und Aktionen ebenso wie Dinge, die Kindern evtl. verboten werden müssen.
  • Nachtruhe
    Kaffee trinken und Suppe essen mitten in der Nacht mögen spannend sein, aber ob sie auch sinnvoll sind, ist zu bezweifeln. Wir konnten in diesem Lager feststellen, dass sich eine verbindliche Nachtruhe auf eine immer kürzere Zeitspanne erstreckte, so dass Schlafmangel zum Teil sogar den Tagesablauf gestört hat. Wir haben deswegen in den Folgejahren Regelungen getroffen, die eine ausreichend lange Zeit vorsahen, in der niemand befürchten musste, etwas zu verpassen. Nachtruhe ist sehr wichtig in einem Ferienlager.
  • Vorbereitung der Selbstverständlichkeiten
    "Es wird sich schon irgendwie ergeben." ist nicht nicht richtige Einstellung für das Programm. Es muss im Vorfeld geklärt werden, wer sich um was zu kümmern hat. Sonst bleibt es immer auf den gleichen Leuten hängen.
  • Probleme ansprechen
    Aus Angst, dadurch für schlechte Stimmung zu sorgen, sind einige Probleme in der Leiterrunde im Lager nicht angesprochen worden. Im Nachhinein stellte sich jedoch heraus, dass mehrere Leute mit diesen Situationen nicht glücklich waren. Also hilft nur eins: Probleme offen ansprechen, um sie zu lösen.

(Peter Witte, 2000)